Von Magnolien und Tazzelwürmern

Der Frühling hat dieses Jahr eindeutig Anlaufschwierigkeiten. Fast so, als ob er ein wenig fremdelt. Zwar zeigt er sich hin und wieder und lässt uns erahnen, wie herrlich sich seine Anwesenheit anfühlt – aber dann macht er schon wieder Platz für wolkenverhangene und kühle Spätwintertage. Gestern war so ein schüchterner Frühlingstag. Da ich praktisch auf der Lauer liege, um ihn ja nicht zu verpassen, war die Kameraausrüstung bereits gepackt – nichts wie raus in die Natur! Der schlechten Witterung geschuldet, blüht es noch nicht so üppig wie im letzten Jahr zu dieser Zeit. Wir entschlossen uns daher in den Park zu gehen. Ich war zuversichtlich, hier zumindest über den einen oder anderen Krokus zu stolpern.

Im Park angekommen, überkamen mich auf einmal haufenweise Kindheitserinnerungen. Als erstes die Killesberg-Parkbahn, es gibt sie also noch! Vor dem Fahrkartenhäuschen hatte sich eine lange Schlange aufgeregt wartender Kinder gebildet, begleitet von leicht gestresst wirkenden Vätern. Ich stellte fest, dass die Fragen der Kinder heute etwas anders lauten, als zu meiner Kindheit. “Wie viele Stundenkilometer fährt die Bahn, Papa? Die sieht total langsam aus!” und “Wie lange fahren wir? Hat die Eisdiele dann überhaupt noch offen?!? Ich weiß noch genau, was mich damals brennend interessiert hat, nämlich “was ist ein Tazzelwurm?” Denn das war der Name der alten Dampflok.

Die Bronzeplastiken und Brunnen aus den 30er und 50er Jahren haben mich auch schon als Kind fasziniert. Ein steigendes Pferd, große Fontänen, Brunnen mit Reliefs von Fischen, Fröschen und Lurchen – was für unglaubliche Geschichten hatte ich mir mit diesen Komparsen ausgedacht. Als ich gestern daran vorbei lief, spürte ich einen kleinen Stich in der Magengegend. Wieviel von dem kleinen Mädchen von damals existiert noch in mir? Und dann fand ich die Magnolie wieder, meinen unangefochtenen Lieblingsbaum im Frühling! Die Kinderversion von mir glaubte fest daran einmal in einer weißen Villa zu leben, mit vielen blühenden Magnolien im Vorgarten. Gestern war ich zunächst ein wenig enttäuscht, er blüht noch nicht – wie schade! Aber dann entschloss ich mich, die Knospen zu fotografieren und daheim angekommen war ich froh darüber. Das Foto spiegelt meine tiefe Sympathie zu diesem Baum wieder.

Zum Schluss kamen wir am Tiergehege vorbei. Hier wohnen Alpakas, ein Schwein, Hühner, Enten, Lämmer und Ziegen. Ich musste so lachen, als ein Mädchen mich vor den Hühnern warnte, die seien “voll aggressiv drauf” und hätten sie in den Finger gezwickt. Kurz war ich versucht ihr zu erzählen, dass vor vielen Jahren die Hühner hier mein geringstes Problem waren. Es waren die Ziegen, die mir einen unvergessenen Besuch im Park beschert hatten. Sie waren so versessen auf das Futter, welches man (auch heute noch) aus dem Automaten lassen konnte, dass sie wenig bis kein Verständnis für meine finanzielle Situation aufbrachten. Das mitgebrachte Taschengeld war komplett an die Tiere verfüttert und ich war der wahnwitzigen Ansicht, die Ziegen “einfach so” noch ein wenig streicheln zu können. Die Ziegen wollten aber auf Nummer sicher gehen, vielleicht hat das Kind ja noch Futter in den Taschen des quietschgelben Regenmantels versteckt! Zu zweit bissen sie in den Ärmel und zogen daran. Ich drehte mich um und wollte um Hilfe rufen – und die Ziegen zogen einfach weiter am Ärmel – im Rückwärtsgang. Mit meinem Regenmantel im Maul machten sie sich aus dem Staub. Gestern sah ich, dass inzwischen hinter dem Gitterzaun noch Maschendraht angebracht wurde – sehr wahrscheinlich blieb mein Regenmantel nicht die einzige Beute der gefräßigen Huftiere.

Just a perfect day
drink Sangria in the park,
and then later
when it gets dark, we go home…

Lou Reed