Wir spielen: Weißt du noch?

Ich sitze mit Frauchen auf der Couch und wir spielen „weißt du noch….?“. Dieses Spiel ist neu, sie hat nach dem letzten Tierarztbesuch damit angefangen. Ich habe keine Ahnung, warum wir jetzt über Einzelheiten aus meinen letzten zehn Lebensjahren quatschen sollen, aber das Spiel hat durchaus seine Vorteile! Ich habe Frauchens alleinige Aufmerksamkeit und werde ausgiebig gekrault. Dazu müsst ihr wissen, dass ich kein Einzelhund bin und daher liebe ich die Momente, in denen ich allein im Mittelpunkt des Geschehens stehe. Kommt für meinen Geschmack viel zu selten vor, ich bin schließlich der Rudelchef und als solchem stehen mir doch mindestens doppelt, wenn nicht sogar dreifach so viele Streicheleinheiten zu wie Wilma, meiner „Hundeschwester“.

Vielleicht sollten wir heute mal eine besondere Variante dieses Spiels spielen und zwar „Weißt du eigentlich…!“ Ich schaue Frauchen vorwurfsvoll an uns sage „weißt du eigentlich, dass ich nie ein Einzelhund war? In den ganzen letzten zehn Jahren musste ich die leckeren Snacks teilen und meinen Platz auf der Couch verteidigen!“. Das diese Variante des Spiels nicht zum gewünschten Erfolg führte, war mir sofort klar, als ich Frauchens Blick sah. „Paul“, sagte sie und schon ihr Tonfall ließ nichts Gutes erahnen, „Du warst ganze drei Wochen ein Einzelhund, nach dem Tod der Katze. Und hättest du dich damals nicht wie ein arroganter und herablassender Vollidiot verhalten, dann wäre kein zweiter Hund ins Haus gekommen!“. Mist! Sie weiß es also noch – sie, die sich sonst nicht mal merken kann, wo sie die Autoschlüssel hingelegt hat. Ich werde sehr ungern an diesen taktischen Fehler erinnert. Shelley, die Katze, die mich mehr als fünf Jahre unterdrückt und gemobbt hatte, musste eingeschläfert werden. Unendliche Traurigkeit bei Frauchen, mittelschwere Traurigkeit bei Herrchen (ebenfalls ein Mobbingopfer besagter Katze) und minimalste Trauer bei mir. Gerade so viel, um meine Erleichterung über Shelleys Abgang zu verschleiern. Der Wassernapf war frei von Katzenspucke, die Couch gehörte mir allein, ich konnte ohne Angst vor Angriffen aus dem Hinterhalt durch die Wohnung laufen und das hässliche, nach Katzenpipi stinkende, Plastikklo wurde entsorgt. Aber das allerbeste war: niemand kackte mehr in mein Körbchen! Ja, ihr lest richtig! Das Katzenbiest hatte die Rudelführung und somit mussten wir alle nach ihrer Pfeife tanzen und ihre Regeln einhalten. Fehlverhalten wurde sofort bestraft. Und die härteste aller Strafen war Häufchen machen in mein Körbchen! Nein, nicht heimlich, nachts, wenn alles schlief. Mitten am Tag – und sie zwang mich dabei zu zusehen -, lief sie mit provokantem Hüftschwung an mir vorbei, setzte sich mittig in mein

Körbchen und hinterließ ihr “großes Katzengeschäft”. Also ehrlich, welcher Hund hätte sich über Tod eines solchen Peinigers nicht erleichtert gezeigt?

Rückblickend betrachtet habe ich es mit dieser Erleichterung vielleicht ein bisschen übertrieben. Zuerst war alles noch o.k., Herrchen und Frauchen dachten ich bin auch traurig und würde deswegen so faul abhängen. Aber als ich dann anfing, mich zu jedem Gassi-Gang stundenlang bitten zu lassen (es war herrlich, meine Menschen standen in kompletter Outdoor-Garderobe vor mir und lockten mich mit Tennisball, Stöckchen und dem Versprechen mit dem Auto zu meinen Lieblingsplätzen zu fahren) wendete sich die Stimmung langsam gegen mich. Wahrscheinlich war es dann die Idee, mich nur noch gegen Snacks und einer Gebühr von fünf Euro streicheln zu lassen, die das Fass zum Überlaufen brachte. Jedenfalls fielen Sätze wie: „er wird der totale Pascha, ihm fehlt offensichtlich die Konkurrenz!“. Und kurze Zeit später ist es dann passiert. Wir machten einen langen Ausflug und vor Ort wurde mir ein großes graues Hundemädchen namens Wilma vorgestellt. Die war soweit ganz nett, also sah ich keinen Grund sie anzuknurren oder nach ihr zu schnappen. Großer Fehler! Denn dank meiner Freundlichkeit wurde sie zu mir ins Auto gepackt und ist mit uns nach Hause gefahren! Seitdem teile ich wieder Snacks und die Couch. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt der Chef bin. Wie man sich als Chef zu verhalten hat, habe ich vom besten aller Lehrmeister gelernt – der Katze! Nur das mit dem Körbchen, das mache ich nicht. Ist ja auch ekelhaft!

„Weißt du noch…?“ sagt Frauchen plötzlich und schaut mich dabei ganz lieb an, „…wie du die Katze im Urlaub vor dem rabiaten Hofkater gerettet hast?“. „Na klar weiß ich das noch!“ antworte ich entrüstet. Als ob ich die Aktion jemals vergessen könnte! Der dicke fette Kater jagte meine Shelley durch den Garten des Ferienhauses und drängte sie in eine Ecke. Da musste ich eingreifen, Familie ist schließlich Familie. Ich habe mich sofort vor Shelley gestellt und dem Kater meine absolute Kampfbereitschaft signalisiert! Zwei Sprünge in seine Richtung reichten aus, er rannte weg und kam nie wieder. „Das hab ich doch klasse gemacht, oder Frauchen?“ frage ich. „Das hast du super gemacht, Paul. Du bist der Beste“, antwortet Frauchen und rubbelt mich hinter den Ohren (das mag ich ganz besonders gern). „Wie oft spielen wir das jetzt noch, Frauchen?“. Sie schaut mir tief in meine Hundeaugen und antwortet „bis zum Schluss, Paulchen. Wir spielen das Spiel bis zum Schluss. Und da wir noch so viele Geschichten haben, musst du so lange wie möglich mitspielen – so lang wie möglich.“